Voyeur

Voyeur

Jeder Fotograf ist Voyeur. Egal ob er Architektur, Stillleben, Makro oder Porträt fotografiert. Man verschlingt die Welt mit Scheuklappen und spuckt sie als eine neue wieder aus. Fotografieren ist nicht nur Ästhetik, Kunst, Technik oder Handwerk. Es ist auch das Kribbeln, wenn du ein Bild siehst. Eine Idee hast. Sie umsetzen musst. Fotografieren ist auch das Distanzieren und doch eine Nähe zu den Dingen herzustellen, die man so nicht sieht.

Ich wurde hier und schon oft (zu Recht?) kritisiert, dass ich profane Dinge auf profane Weise ablichte. Schnappschüsse. Und werde immer wieder gefragt, warum ich jenes so und nicht anders fotografiere, warum ich mich nicht einfach an technische sowie festgelegte ästhetische Regeln halte. Warum jenes Bild zu bunt, jenes nur schwarz-weiß, jenes zu hell, jenes zu dunkel sei. Und vielleicht ist es einfach nur Geschmack. Aber vielleicht ist es auch die Mischung aus Geschmack, Scheuklappen, Ästhetik und Zwang, was einen Fotografen auszeichnet. Manche Bilder muss ich machen und es ist mir völlig egal, ob es dann “gut” ist.

Fotografie beginnt immer mit einem Blick. Der Voyeur als Prototyp. Aber Blicke lassen sich nicht erklären, sie sind Kommunikation und dessen Verweigerung in einem, betrifft es Menschen und es ist ein Spiel des Individuums mit seinen eigenen Vorstellungen, betrifft es Objekte. Menschen sind für mich als Fotograf auch Objekte, während ich ein Bild suche. Ich bewege mich um das Objekt und suche meinen Blick, etwas, was ich schon Mal gesehen habe. Ein Voyeur, der mit im Mittelpunkt steht. Der sich in seinem Blick offenbart.

Ich habe das Bild oben von Pia durch den Lichtschacht meiner Zenza Bronica SQ-A gemacht. Es zeigt mehr meinen Blick, als sie. Es ist der Fotograf, der sich selbst beobachtet, in seinem Werkzeug. Genausogut könnte ich dort liegen. Es wäre dasselbe Bild, derselbe Blick. Pia und ich haben vor dem Shooting lange über die Rolle des Fotografen und die des Models gesprochen. Sie hat eindringlich die These vertreten, die ich versuche in diesem Beitrag zu beschreiben: das Model ist Objekt, Medium, der Fotograf sieht sich selbst darin.

Ich habe die These zunächst widerstritten, doch beim Bearbeiten der Bilder ist mir klar geworden, wie Recht sie hatte. Ob im allgemeinen, oder nur für die dort entstandenen Bilder, stelle ich gerne zur Diskussion. Weitere Bilder folgen in den nächsten Wochen.

Nachtrag: Mir ist aufgefallen, dass ich für den Fotografierenden immer nur das generische Maskulin benutzt habe. Ich bin in diesem Text stark von mir ausgegangen. Aber selbstverständlich gibt es diesen voyeuristischen Blick auch von weiblichen Fotografen. Mir fällt sogar immer wieder auf, dass mir Aktfotografien von Frauen mit Blick auf den weiblichen Körper meist besser gefallen, weil ich dort häufiger einen fotografisch geprägten Voyeurismus finde.