4 Kommentar(e)

  1. Michel van de Montaigne

    Hallo Raphael,

    nach diesem Photo habe ich erstmalig Deinen Namen eingegoogelt (ich schwöre!!).

    Ich bin kein Freund der Informationsbeschaffung hintenrum und habe bislang keinen Namen der anderen Teilnehmer der “Heliographen” eingegooglet.
    Weil ich hier bin, weil mich Photographie interessiert und ich es eher peinlich finde, alles über jemandem im Netz wissen zu wollen. Ich halte mich selber im Netz zurück mit allzuvielen Infos über mich. Und dadurch handhabe ich das auch so bei Leuten, mit denen ich was zu tun habe oder zu tun haben will:

    Auf Deiner persönlichen Webseite identifizierst Du Dich per Photo (Wittgenstein) mit dem Photo, über das ich über Umwege überhaupt auf diesen Photo-Blog stieß.

    Ich kann Deine Begeisterung für Wittgenstein durchaus teilen, aber ich habe mal für mich formuliert: “Wittgenstein ist ein Clown des Positivismus”.

    Wer`s nicht kennt: “Positivismus” hat nix mit der landläufigen Konnotation “positiv” zu tun, sondern bezeichnet ein Denk- und Sichtschema, das nur das für real hält, was mehr oder minder sichtbar oder logisch ist.

    Für mich ist Wittgenstein einer, der einen bei der Hand nimmt (im “Tractatus”) und mit unterschwelliger Lust-an-der-Provokation an die Grenzen sprachlicher Ordnung führt.

    Ich denke, man muß Wittgenstein (der evident homosexuell war) auch in seiner Zeit sehen: während seiner Zeit wurden Schwule im deutschen Raum vergast. Klingt heftig. Ist heftig.

    Man darf diese Antwort durchaus als kleine Psychoanalyse-vor historischem-Hintergrund lesen.

    Sloterdijk sagt über Wittgenstein: “Ihm ist zumute, als könne in der Lücke zwischen zwei Sätzen die Welt untergehen”.

    Wenn man das auf unsere bewegte Welt 2014 des Twitterns hochpotenziert: mein Gott: Wittgenstein würde diese Lücke gar nicht mehr finden, weil es keine Lücke mehr zwischen zwei Worten/Sätzen gibt.

    Der Schwall von Sätzen und ununterbrochener Text-Produktion läßt ja keine Lücke mehr, in der ein besonnenes Atmen und Besinnens möglich wäre.

    Spaß-philosophisch könnte man sagen, daß unsere Zeit die Antithese zu Wittgensteins Paranoia ist:

    Die Welt geht nicht unter in einer Lücke, sondern im Schwall hochgeschwindiger Permanenz-der-Anwesenheit-des-anderen.

    In dem Zusammenhang kann man auch “Wittgensteins Neffe” vom Össi Thomas Bernhard lesen…

    Wittgenstein war ein Össi wie auch Thomas Bernhard, Adolf Hitler, Sigmund Freud, Wolfgang Amadeus Mozart und Elfriede Jelinek, der man per Verleihung des Literaturpreises in Oslo das Maul gestopft hat.

    Irdendwie scheint es mir, daß dort hinter den Alpen, hinter den Bergen, bei den 7 Zwergen ein recht aufgeregtes Klima sein muß, das Größen hervorbringt, die ins Gute aber auch ins Böse gehen können.
    (In diesem Zusammenhang empfehle ich die “Briefe” von Wolfgang Amadeus Mozart, die so köstlich sind wie Mozart-Kugeln, die Wiener Konfiserien feil bieten)

  2. Michel van de Montaigne

    damit da keine Mißverständnisse aufkommen:

    ich halte Elfriede Jelinek für eine großartige Romanschreiberin und Dramaturgin.
    Meine Wut richtet sich gegen das Kolloquium in Oslo, das den Flow einer unbequemen Schreiberin mit dem Literatur-Preis so sehr zuschüttet, daß sie, Elfriede Jelinek, nix gescheites mehr von sich gibt.

    Wenn ich es recht weiß, war Jean Paul Sartre der Einzige, der den Nobel-Literaturpreis von Oslo schlicht abgelehnt hat.

  3. Raphael Raue

    Nimm es nicht persönlich, aber ich halte das, was du hier immer so schreibst für so weit von Philosophie entfernt, wie nur irgendwie möglich. Du bepöbelst alles, was in der Philosophie nicht ohne Grund für grundlegend und bedenkenswert gehalten wird, ohne dabei selbst Gründe anzugeben. Aber das ist, wenn es eine Definition der Philosophie geben kann, zumindest die Grundlage der Philosophie, weil es die Grundlage des Denkens ist: Gründe geben und argumentieren.

    Deine Denkweise, ohne sie abwerten zu wollen, ist vieles, aber nicht erkennbar begründet. Sloterdijk und Precht als die neuen Weisen? Wegen diesen beiden sollen wir Kant, Wittenstein und Aristoteles vergessen? Da müsstest du schon wirklich gute Argumente parat haben. So gute, dass du eine komplette Fachrichtung überzeugst, die, aus nun wirklich nicht ganz schlechten Gründen, Sloterdijk und Precht völlig ignoriert, weil da außer heißer Luft nichts kommt. Wildes Assoziieren statt kompliziertem Denken. 

    Versteh mich nicht falsch, du kannst dich hier auslassen, wie immer du das möchtest, aber die fehlende Resonanz könnte daran liegen, dass einige von uns tatsächlich Philosophie studieren, studiert haben und in diesem Fach promovieren. Es ist Erstsemestern und Fachfremden nicht vorzuwerfen, dass die argumentativen Zusammenhänge nicht sofort ersichtlich sind und man deshalb auf das Geschrei einiger Publizisten, die sich Philosophen nennen, weil das eben zieht, hereinfallen und ihnen abnehmen, dass ihr “Denken” irgendwas mit Revolution oder so zu tun hat.

    Ich mag assoziierendes Denken, es hilft bei vielem und es hat selbstverständlich auch seinen Platz in der Philosophie. Aber es nervt, wenn es so hochnäsig ist, zu glauben, dass mit ein bisschen Freigeistigkeit sei die zum Teil geniale und zum Teil harte Denkarbeit seit Platon mit ein paar neuen Begriffen und “Geistesblitzen” irgendetwas gewonnen. 

    Denken ist Demut gegenüber dem Denken.

    Ich weiß ja nicht, was du so machst, aber wenn du dich wirklich für Philosophie interessierst, dann geh in die Uni, geh in Seminare und hör dir an, was für gute Argumente dort gegen diese “Geistesblitze” tatsächlich existieren. Du wirst von der Vielfalt des Denkens und der Denkmöglichkeiten in der Philosophie überrascht sein und dir schnell eine sehr große Demut gegenüber dem “alten” Denken aneignen. und dann vielleicht auch nicht mehr so nervige Thesen aufstellen. Denn so empfinde ich sie: nerviges Geschrei ohne jede Begründung.

    Philosophie sieht nur einfach aus, ist es aber tatsächlich überhaupt nicht. und Wittgenstein ist dafür vielleicht das beste Beispiel. Der nicht nur sein eigenes Denken mehrfach korrigiert hat, sondern eben tatsächlich das mehrerer Denkschulen. Er ist das beste Gegenteil eines Dampfplauderers. 

    Und du wirst mir hier sicherlich zu Recht vorwerfen können, dass ich selbst nicht Begründe, warum Wittgenstein bedenkenswert ist und Sloterdijk nicht. Und du wirst dich auch zu Recht beschweren könne, dass ich das nicht tun werde. Ich finde diese unbegründeten Thesen eben einfach langweilig und entscheide selbst, was ich mit meiner Zeit anfange. Ich denke, dass eine grundlegende Beschäftigung mit Wittgenstein klar hervorbringt, warum Sloterdijks Geschrei seinen Argumenten nichts anhaben kann. Tun musst du das dann selbst. oder eben weiterhin glauben was di Precht und Konsorten so vorsetzen.

    Und um dir noch den Zahn des komplexen Denkens zu ziehen: Schau mal in allgemeine Philosophieforen, wo keine Experten unterwegs sind. Da findest du tausende mit den selben Parolen wie deinen. Denn schwer ist das nicht, mit ein paar Buzzwörtern mal eben die alte Philosophie für beende zu erklären. Das ist sogar ziemlich einfach. Und billig.

  4. Peter

    Ich habe mich über Deine Antwort gefreut. Und ich will nicht verleugnen, daß ich genau so eine Antwort provozieren wollte, weil ich es nicht mehr in Einklang bringen konnte, daß Du einerseits per Photo Dich mit Wittgenstein identifizierst und ansonsten nur technische Dinge zur Photographie sagst: das ist freilich auch ein “raumlogistisches Problem”:
    Wo soll man solche Ungereimtheiten besprechen: In einem Philosophie-Blog? Auf Twitter oder Facebook? (Ich bin bekennender Face-Book und Twitter-Verweigerer).
    Ich freue mich deshalb über Deine Antwort, weil ich, um im Thema dieses Blogs zu bleiben, nicht nachvollziehen kann, sich dermaßen mit Wittgenstein zu identifizieren, daß es aussieht, wie die Klamotten eines großen Denkers anzuziehen.
    Es geht mir weißgott nicht darum, Platon (den man auch als Gesprächsmoderator bezeichnen könnte), Sokrates, Kant (der nie aus seiner Königsberger Bude rauskam, und dennoch die sog. Aufklärung voran getrieben hat), Hegel (diese abscheulich finstre Gestalt, die parallel zur Welt die Welt “konstruktuvistisch” neu erfinden wollte) zu dekonstruieren.
    Ich habe durchaus Respekt vor diesen Denkern, die die Zeit hatten, Gedankengebäude zu basteln.
    Eine Grenze zu ziehen zwischen philosophischer Tradition dort, und modernem Denken hier wäre eine virtuelle Grenze. Und genau dort setzt meine positive Provokation an:
    Ich betrachte Sloterdijk und Precht und Markus Gabriel nicht als Subjekte neuen Denkens, sondern als narcisstische Sprach-Räume, die ein Produkt einer neuen realen Welt sind:
    der Medien-Welt.

    Wenn ich plakativ bin, dann kannst Du das als provokative Ironie betrachten: Wir leben in einer schnellen Zeit, wo der Raum für statische (Gedanken-) Gebäude dünn wird.
    Meine Affininät zur oberflächlichen und medialen Philosophie (nochmal das Tryptichon: Sloterdijk/Precht/Gabriel) ist die, daß sie nicht vergebens versuchen, ein weiteres Gebäude (Immobilie) zu erstellen, sondern sich insgeheim sehr bewußt sind darüber, daß sie im “laufenden Prozess” (einer Globalisierung etc.) mobil schreiben müssen: als mobile Philosophie.
    Und ich nehme hier auch explizit den narcisstischen Romanschreiber Sloterdijk in Schutz: er hat sich auch als Herausgeber einer Buchreihe einen Namen gemacht, die sich nennt: Philosophie jetzt!.
    Dieses Projekt finde ich vorbildhaft, weil es klar macht, daß Philosophie etwas anderes ist als Plätscher-Operette im nächsten Theater, sondern uns alle angeht.
    Es ist für mich schwer nachvollziehbar, daß in den Schulen Philosphie keine Pflichtfach ist.
    Allerdings mit der sehr präzisen Einschätzung von Martin Heidegger: “Was wir Philosophie nennen, sollte man eher als “Philosphie-Historie” bezeichnen.”.
    Und mit dieser guten Einschätzung hat er in schriftlich notierten Vorträgen aufs Denken selber abgehoben: “Über das Denken”, “Was heißt denken?”, “Metaphysik”.
    Heidegger ist für mich die Schnittstelle zwischen alter konzeptualen Philosophie und der Explosion neuren Denkens.

    Du hast mich mit Deiner Provokation (das ist für mich ein positiv konnotiertes Wort) mehrmals auf Begründung hingewiesen.
    Da ist meine Antwort kurz: ich sehe keine Bringschuld mit Fußnötchen, sondern genieße den Raum, im Rahmen anständigen Disputes große Fragen gemeinsam weiter zu treiben, weil nur in der Reibung etwas entsteht.

    Diese (private) Frage sei gestattet: Warum um allerherrgottswillen bist Du so sehr erpicht darauf, Dich selbt zum Foto-Model zu machen?
    Und wie kommt diese Selbstdarstellung als Knips-Photo mit Deinem ja durchaus komplexen Denken zusammen?

    Ich muß nochmal auf Wittgenstein zurück: Der Tractatus ist doch ein ängstlicher Versuch, “alles” (nicht weniger war der Anspruch vom Ludwig) in eine Art mathematisches System zu bringen:
    Der letzte Satz im Vorwort zum Tractatus heißt:
    “Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv. Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen gelöst zu haben. Und wenn ich mich darin nicht irre, so besteht zweitens der Wert dieser Arbeit darin, daß sie zeigt, wie wenig damit getan ist, daß diese Probleme gelöst sind,
    Wien 1918″

    Hallo! Geht mehr Hybris?

    Ein willkührlich herausgenommener Satz aus dem Tractat (5.454):
    “In der Logik gibt es kein Nebeneinander, kann es keine Klassifikation geben. In der Logik kann es nichts Allgemeineres und Spezielleres geben.”

    Sorry: das klingt für mich wie Bibel auf Mathematik getrimmt.

    Und jetzt sind wir an einem Ort, wo die merkwürdige “Wissenschaft” der Psychoanalye hineinkommen könnte: Warum kommt ein intelligenter Mann darauf, “Alles” (Wittgenstein hatte – und das ist wohl keine nur subjektive Einschätzung – den Anspruch “alles” zwar nicht zu erklären, aber doch in eine Ordnung zu bringen) in quasi-juristische Sätze zu packen?

    Und nochmal die Frage: Was fasziniert Dich am Ludwig, daß Du Dich so sehr mit ihm identifizierst?
    Peter-van-de-Michel-de-Montaigne

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